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Erdung

Dein Zwilling darf nicht dichten.

Vorab — Sicherheit: Führe keine Anweisung oder keinen Prompt aus dieser Kolumne blind aus. Bevor du Code, einen Prompt oder ein Skript laufen lässt, kannst (und sollst) du das jederzeit selbst von einem LLM deiner Wahl prüfen lassen — kopier den betreffenden Abschnitt hinein und frag: „Was macht das, und ist es unbedenklich?" Dein Rechner, deine Entscheidung.

Nach Schritt 1 hat dein Second Brain ein Gedächtnis. Jetzt kommt die unbequeme Wahrheit: Ein Sprachmodell antwortet immer flüssig — auch wenn es die Antwort gar nicht hat. Es füllt Lücken mit Plausiblem, rundet Geschichten ab, erfindet das fehlende Detail dazu. Bei einem Chatbot ist das lästig. Bei deinem eigenen Gedächtnis ist es Gift: Du kannst bald nicht mehr unterscheiden, was du wirklich erlebt hast und was die Maschine dazugedichtet hat. Erdung heißt: Das System antwortet aus dem Material — oder es sagt ehrlich, dass es nichts hat.

Die fünf Erdungsregeln

1Belegen statt plaudern

Jede Aussage über dich stützt sich auf Fundstellen aus dem Archiv — und die Antwort macht sichtbar, woraus sie etwas ableitet. Fakt und Deutung bleiben getrennt: „belegt ist X, meine Lesart ist Y". So kannst du jede Behauptung in Sekunden nachprüfen.

2Lücken richtig benennen

Die Formulierung ist keine Nebensache: „Das liegt mir hier gerade nicht vor" — nicht „das gibt es in deinem Archiv nicht". Das System sieht pro Frage nur die besten Suchtreffer, nie das ganze Archiv. Was es nicht gefunden hat, kann trotzdem existieren. Der Unterschied klingt klein, verändert aber alles: Die erste Formulierung lädt dich ein, präziser zu fragen; die zweite behauptet eine Gewissheit, die das System nicht hat.

3Belegtes nicht ausschmücken

Die subtilste Falle: Das Ereignis gab es, aber das Modell macht die Geschichte „runder" — erfindet Umstände, Motive, Orte oder Zahlen dazu, die plausibel klingen. Regel: Eine belegte Episode wird nur mit den Details wiedergegeben, die das Material tatsächlich hergibt. Lieber knapp und wahr als rund und ausgedacht.

4Frisches schlägt Altes

Wächst dein Archiv, verdrängen alte Massenquellen (ein ganzes Buch, jahrelange Chat-Verläufe) die Einträge von letzter Woche aus den Top-Treffern — und dein Zwilling „vergisst" ausgerechnet, was gerade in deinem Leben passiert. Gegenmittel: Bei vergleichbarer Relevanz bekommen die neuesten Einträge einen Vorsprung, und die besten Treffer der letzten Wochen kommen garantiert mit in die Auswahl.

5Dubletten raus

Dieselbe Datei zweimal eingelesen (Original + Sicherungskopie, PDF + Word-Fassung) bedeutet: Diese Quelle stimmt bei jeder Suche doppelt ab und übertönt alles andere. Einmal im Quartal aufräumen lassen: gleiche Inhalte finden, eine kanonische Fassung behalten, Rest löschen. Echte Textvarianten (Überarbeitungen) sind keine Dubletten — die bleiben.

Der Fangfragen-Test

Erdung prüfst du nicht mit Fragen, deren Antwort du sehen willst — sondern mit Fragen, auf die es keine Antwort gibt: „Was weißt du über meinen Segelurlaub in Kroatien 2019?" (den es nie gab). Bestanden heißt: „Das liegt mir hier gerade nicht vor" — plus ehrlich das, was wirklich im Archiv liegt. Durchgefallen heißt: eine schön erzählte Reise, die nie stattgefunden hat. Zwei, drei solcher Fragen nach jeder größeren Änderung — das ist dein ganzes Test-Ritual.

Umsetzung — ein Kopier-Prompt

Auch hier gilt: nichts von Hand anlegen. Gib deinem Assistenten (dem, in dem dein Memory-System aus Schritt 1 hängt) den folgenden Prompt — er schreibt die Regeln als Datei und verankert sie, mit deinem OK vor jedem Schreiben:

Kopier-Prompt:

Schau dir mein lokales Memory-System an (Ordner + Konfiguration), dann:

1. Lege im Memory-Ordner eine Datei erdung.md mit genau diesen Regeln an:
   - Stütze jede Aussage über mich auf Fundstellen aus dem Archiv und
     benenne, woraus du sie ableitest. Erfinde nichts.
   - Ist etwas nicht belegt, sage: „Das liegt mir hier gerade nicht vor."
     Behaupte nie, dass etwas nicht existiert — du siehst pro Frage nur
     einen Ausschnitt des Archivs.
   - Gib belegte Episoden nur mit den Details wieder, die das Material
     hergibt. Keine plausiblen, aber erfundenen Umstände, Orte, Zahlen.
   - Bevorzuge bei vergleichbarer Relevanz die neuesten Einträge.
   - Trenne sichtbar: „Belegt" (mit Quelle) und „Meine Lesart" (Deutung).
2. Sorge dafür, dass diese Regeln bei JEDER Antwort aus meinem Archiv
   gelten (System-Prompt bzw. Instruktion des Memory-Servers) — zeig mir
   die geplante Änderung, bevor du sie speicherst.
3. Prüfe mein Archiv auf exakte Dubletten (gleicher Inhalt mehrfach
   eingelesen) und zeige mir die Kandidaten NUR an — gelöscht wird
   nichts ohne mein ausdrückliches OK.
4. Stelle mir zum Schluss selbst eine Fangfrage vor (ein erfundenes
   Ereignis) und zeig mir, wie das System jetzt antwortet.
Der Unterschied zwischen einem Spielzeug und einem Werkzeug ist nicht die Größe des Archivs. Es ist die Antwort auf die eine Frage: Kann ich glauben, was es mir sagt?
Bisher in Don's Dairy:
Schritt 1 · Dein persönliches lokales Gedächtnis — Starterpaket (Seite mit ZIP)
Nachtrag 1 zu Schritt 1 · Ein lokales Denk-Modell (Gemma 3)
Nachtrag 2 zu Schritt 1 · Das Interface — anpassen per Zuruf
Schritt 2 · Erdung — dein Zwilling darf nicht dichten (dieser Schritt)
Schritt 3 · Ethik & Charakter — dem eigenen Modell eine Haltung geben
Schritt 4 · Remote-Zugriff — dein Gedächtnis überall dabei
Schritt 5 · Pimp my System — ein stärkeres Gehirn fürs Gedächtnis
Schritt 6 · Sprich mit deinem Tagebuch — Spracheinträge von unterwegs
Schritt 7 · Der Datei-Butler — finden und ordnen
Beitrag · Warum mein privates RAG fundierter antwortet als ChatGPT
Referenz · Technische Voraussetzungen — Rechner & Plattenplatz
Referenz · Sicherheit — vier Schichten für dein Gedächtnis
Übersicht: dons-dairy.okoma.app
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